Das Kreuz von San Damiano

In unserer Kirche im Frankfurter Stadtteil Seckbach hing früher im Altarraum ein überdimensioniertes Kreuz. Es wurde kurz nach dem Krieg angefertigt, als die teils zerbombte Kirche wiederhergestellt wurde. Der Stil kam nahe an den sozialistischen Realismus. Wöchentlich hielten wir Kindergottesdienst in einem Kreis mit Hockern, direkt vor den Altarstufen. Ich erinnere mich noch gut, wie ein kleiner Junge lange auf das Kreuz starrte und dann leise anfing zu weinen. Es war wirklich ein Bild, das sehr traurig machte und so gar nicht das, was wir im Kindergottesdienst vermitteln wollten.
In der Frankfurter Lutherkirche im Nordend hängt ein großes furchterregendes kupfernes Kruzifix. Auch aus der Zeit nach dem Krieg. Jesu gestorbener Körper hängt schlapp an den Balken, der Mund ist zum Todesschrei halb geöffnet.
Das Museum Unterlinden in Colmar im Elsass ist viel besucht wegen seines berühmten Altarbildes von Matthias Grünewald. Leichenblass hängt Christus am biegenden Kreuzbalken, die Hände um die Nägel verkrampft, Blut unter der Dornenkrone, die Stacheln vom Auspeitschen stecken überall im Körper. Touristen strömen durch die Räume.
Was denken Menschen aus anderen Kontinenten und Religionen, wenn sie das zentrale Symbol des Christentums auf derartige furchtbare Weise dargestellt sehen?
Natürlich sind diese Kreuzesdarstellung datiert und müssen kontextualisiert werden. Nach den Leiden des Zweiten Weltkrieges wurde der Anblick des ermordeten Jesus vielleicht nicht so grausam erfahren. Zudem war Luthers theologia crucis wieder neu entdeckt, die besagt, dass wir nur durch die Anerkennung unserer Sünden die Gnade Christi annehmen können. Und Sünde hat es im Krieg genug gegeben. Das Altarbild von Grünewald ist für ein Hospiz, ein Sterbehaus, gemalt worden. Die Konfrontation mit dem leidenden Christus hat das eigene Leiden relativiert.

Dennoch muss das Kreuz nicht so grausam dargestellt werden. Eine ganz andere Darstellung ist diese Kreuz-Ikone. Die Vorlage stammt aus dem Italien des 12. Jahrhunderts, ist zwei Meter hoch und geht wohl auf eine Ikone aus dem syrischen Christentum zurück. Es ist bekannt als „das Kreuz von Franziskus“ und hängt in der Kapelle von San Damiano in Assisi. Dieses Kreuz, so erzählt die Lebensbeschreibung von Franziskus, soll um das Jahr 1205 herum zu ihm gesprochen haben: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.“ Für Franziskus war die Botschaft vom Kreuz der Anlass, sein bisheriges Leben als Sohn eines reichen Tuchhändlers aufzugeben und ein Leben in Armut zu beginnen. Seine erste Tat war es, die verfallene Kapelle von San Damiano zu restaurieren. Erst später sollte Franziskus verstehen, dass der Text symbolisch gemeint war. Er sollte die reiche Kirche des Mittelalters, die innerlich verfallen war, wieder aufbauen. Mit einigen Anhängern gründete er den Franziskanerorden. Dieser „Orden der kleinen Brüder“ (Ordo Fratrum Minorum) lebte in Armut und folgte den Idealen Jesu buchstäblich nach.
Dieses Kreuz kann man auch Kindern zeigen. Es liest sich wie eine Cartoongeschichte und auch in der Vorlage sind alle Figuren sehr karikaturenhaft dargestellt.
Jesus kommt zweimal vor, einmal am Kreuz und im Medaillon darüber als der auferstehende Christus, der in den Himmel kommt. Ein Himmel voller lachenden und miteinander kommunizierende Engel.
Ganz oben ist das Gottessymbol, die drei Farben Blau der Dreieinigkeit, von dem eine Farbe Blau die ganze Darstellung umgreift.
Die dunkle Fläche hinter Jesu Armen steht für das Grab. Am Grabe sitzen vier Engel. Ganz links und rechts stehen die zwei Frauen, die am Morgen nach der Grablegung zum Grab gelaufen waren, um Jesus zu salben.
Unterm Kreuz stehen links Maria und Johannes, rechts Maria Magdalena, Maria, die Mutter von Jakobus, und der Centurio, der römische Hauptmann, dessen Sohn krank war und der an die Heilkraft Jesu geglaubt hat (Joh 4, 46-54). In der großen originalen Ikone schaut der kleine Junge mit seiner Familie noch grad über dessen Schulter herüber.
Links und rechts vom Kreuz stehen zwei römischen Soldaten. Sie waren bei der Kreuzigung zugegen mit einer Lanze und einem Schwamm mit Essig. Der Hahn am rechten Rand verweist auf den Hahn, der gekräht hat, als Petrus Jesus zum dritten Mal verleugnet hat.
Am unteren Rand sind auf der Kreuzesikone von San Damiano die sechs Patrone von Umbrien abgebildet, die Provinz, in der Assisi liegt. Weil meine Ikone 600 Jahre später in Deutschland gemalt ist, haben ich hier Dietrich Bonhoeffer und Sophie Scholl abgebildet; zwei Ikonen des christlichen Widerstands. Sie gehören als evangelischen Christen zur Gemeinschaft der Heiligen. 

Was sie als Märtyrer geglaubt haben und was Jesus in seinem Sterben geglaubt hat, steht geschrieben in dem Bibeltext im unteren Rand: „Vater, ich gebe mein Leben in deine Hände.“ Das griechische Wort pneuma in diesem Text (Lk 23, 46) bedeutet nicht nur „Geist“, sondern das mit der Atemluft aufnehmbare Lebensprinzip, was eher mit Lebendigkeit und mit der von Gott geschenkten Lebenskraft zu tun hat. „Vater, ich gebe mein Leben in deine Hände“, bedeutet darum nicht „Ich gebe den Geist auf“, im Sinne von „Das war es“, sondern: „Ich vertraue mich mit Leib und Seele Gott an“. Dieses Vertrauen spricht auch aus dem Blick in Jesu Augen. Er sieht nicht resigniert oder enttäuscht aus, sondern schaut ruhig und stellt sein Leben in die Macht Gottes, die Macht, die größer ist als alles, was wir denken können. Darum schaut auf dieser Ikone keine Figur traurig. Sie vertrauen alle und sind zuversichtlich. Dieses Kreuz sagt uns: „Fürchte dich nicht!“