Weihnachtsikone (Geburt Jesu)

Weihnachtsikone (Geburt Jesu)

Weihnachtsikone (Geburt Jesu)

Diese Ikone gleicht fast einem Suchbild. Erst wenn das Auge Maria und das Baby gesehen hat, erschließt sich, dass es sich hier um die Geburt Jesu handeln muss. Auffällig ist aber, dass Jesus nicht – wie in der westlichen Tradition – in einem Stall in der Nähe von Bethlehem, sondern in einer Höhle in einem Gebirge geboren wird. Er liegt nicht in einer Holzkrippe, sondern in einem steinernen Trog, der wie ein Sarg aussieht. Weil dahinter Ochs und Esel stehen, muss es sich wohl um ihren Futtertrog handeln.

Hinter den Bergen – in Ikonen Symbol für eine geistige Wirklichkeit – scheint das himmlische Licht. Es lädt uns dazu ein, uns auf eine andere Deutung einzulassen. Wie der Berg hier geöffnet ist, so kann ich mich für das Geheimnis der Geburt Jesu öffnen. Dieses Geheimnis ist, dass, obwohl Gott grundsätzlich anders ist als Welt, doch etwas von Gott in unserer Welt sichtbar werden kann.
Alle Elemente dieser Ikone versuchen, dieses Geheimnis der Offenbarung des Göttlichen zu erklären.

In der Mitte der Ikone liegt Maria, MateR THeoU, die Mutter Gottes, wie sie in der Orthodoxie immer genannt wird. Joseph steht, wie immer etwas unklar über seine Rolle im ganzen Geschehen, etwas abseits und schaut nur zu. Maria ist größer als die anderen Figuren abgebildet und liegt auf einem roten Tuch. Sie stützt ihren Kopf müde auf ihren Arm und blickt nachdenklich vor sich hin. Ob sie das künftige Leiden ihres Babys schon ahnt? Die dunkle Höhle und der Sarg, in dem Jesus Christus liegt, verweisen auf das Ende der Geschichte Jesu. Darum sehen die Tücher, in die Jesus gewickelt ist, aus wie Leichentücher. Gleich bei der Geburt Jesu wird offenbar, dass sein Leben am Kreuz enden wird. Das Geheimnis der Offenbarung des Göttlichen ist, dass es nicht in Macht und Pracht, sondern im Leiden durch konsequentes Dienen sichtbar wird.

Vertrauter sind uns die Engel auf dieser Ikone. Als Boten der Offenbarung treten sie in großer Anzahl hinter den Bergen hervor. Engel sind ein Symbol, sie sind ein Versuch, die Verbindung zwischen zwei Wirklichkeiten, zwischen Gott und Welt, zwischen Geist und Materie, zwischen Transzendenz und Immanenz sichtbar zu machen. Viele evangelische Theologen unterschätzen die breite Bedeutung dieser geschlechtslosen Flügelwesen. Für sie sind Engel nur so etwas wie der Doppelpunkt nach dem biblischen Wort „Gott sprach“. „Doppelpunkt“ ist aber zu wenig, wenn es darum geht zu verstehen, wie das Göttliche in unsere Wirklichkeit einbrechen kann. Nicht ohne Grund haben Engel sich hartnäckig im Repertoire aller großen Religionen durchgesetzt. Auf dieser Ikone offenbart ein Engel insbesondere die gute Botschaft. Er ist nachdrücklich der Angelos. Rechts vom Gipfel beugt er sich herunter und verkündet sie den Hirten. Hirten waren in der Zeit die Ärmsten der Armen, die Tagelöhner, die Sklaven, die Obdachlosen, das Präkariat. Ihnen wird als Ersten diese gute Botschaft offenbart: ungerechte Strukturen haben keine ewige Gültigkeit; darum ist Frieden möglich.

Links in der Mitte gibt es noch ein anderes Element, das uns zeigt, wie Gott in unserer irdischen Wirklichkeit sichtbar wird: die heiligen drei Könige. Sie kommen auf Pferden und nicht auf Kamelen, weil für die Byzantiner, in deren Tradition die Ikonen gemalt werden, Kamele die Reittiere der Feinde aus dem Nahen Osten waren. Diese durften in ihren Augen natürlich nicht auf einer Ikone vorkommen. Um besser zu verstehen, welche Rolle die heilige drei Könige spielen, helfen uns ihre anderen Bezeichnungen: die „Weisen aus dem Morgenland“, „die Weisen aus dem Osten“ oder „die Sterndeuter“. Die drei Weisen waren Exil-Juden, die etwa 600 vor Christus nach Babylon, heute Irak, deportiert worden waren. Ein Teil der Juden war dort geblieben und gehörte mittlerweile zur Oberschicht. Ihre jüdische Religion hat sich mit der Astrologie der Babylonier vermischt. Bei der Menschwerdung Gottes sollte nun die ganze Welt, also auch diese Exil-Juden aus dem Irak, anwesend sein. Zwar haben diese drei Weisen das Kind noch nicht gesehen, aber sie sind auf dem Weg. Sie repräsentieren die Wissenschaftler, die Politikern und die Machthaber, die auch bei der Offenbarung des göttlichen Geheimnisses zugegen sein sollten.

Die zentrale Aussage über das Sichtbarwerden der göttlichen Wirklichkeit verbirgt sich aber in dem hellen Lichtstrahl, der aus dem Halbkreis von oben auf das Jesuskind zeigt.
Das Licht verbindet Gott mit dem neugeborenen Baby.
Die drei Farben blau und die drei Spitzen deuten auf das dreifache Geheimnis der Liebe Gottes.
Gottes erneuernde Lebenskraft, seine Schöpfungskraft, die immer wieder in der irdischen Wirklichkeit spürbar werden kann.
Gott, der mit dieser Geburt zeigt, dass es möglich ist, dass etwas von ihm in der menschlichen Wirklichkeit, in einem Menschen, aufleuchten kann.
Gottes Geistkraft, die in jedem Menschen lebendig werden kann. Auch in mir.