Einzug in Jerusalem

Einzug in Jerusalem

Beim ersten Hinschauen zeigt diese Ikone eine fröhliche Szene. Jesus sitzt ruhig auf einem Reittier, die Jünger folgen ihm, Menschen kommen auf ihn zu, eine Mutter mit ihrem Baby, ein flinkes Kind ist in den Baum geklettert und hackt Palmzweige, ein anderes Kind legt Kleider auf den Weg, damit kein Staub hochwedelt, wenn der Esel vorbeischreitet. Auf Griechisch hat diese Ikone den harmlosen Titel: he baio phoros: das Tragen der Palmzweige. Die Kirche feiert diesen Einzug Jesu in Jerusalem schon seit dem 4. Jahrhundert am Sonntag Palmarum: dem Sonntag der Palmzweige, eine Woche vor dem Ende der Fastenzeit. Schon seit etwa 1700 Jahre dürfen Kinder hier im Gottesdienst mitspielen. Der älteste Kindergottesdienst!

Aber das bunte Treiben täuscht. Das Thema dieser Ikone ist Macht und die Frage, wie Gottes Reich Wirklichkeit werden kann. Um das zu verstehen, muss man zuerst auf die klare Bildstruktur achten: die scharfe Diagonale von links oben nach rechts unten und die steile vertikale Linie auf der rechten Seite. Die Diagonale ist der Hang vom Ölberg. Jesus reitet aus dem Dörfchen Betfage (Lk 19,28f) bei Bethanien diesen Berg mit Olivenbäumen herunter. In dem Dörfchen hatten die Jünger den Esel gefunden, auf dem Jesus jetzt reitet. Der Berg steht für die geistige Situation, in der Jesus sich hier befindet: ab jetzt geht es steil bergabwärts. Wir sehen hier den Anfang vom Ende: den Kreuzestod Jesu.
Die steile Vertikale ist die Stadtmauer von Jerusalem. Wie eine Burg wird das Zentrum der Macht geschützt. Hier wird Jesus in den nächsten sieben Tage von den Römern und von den jüdischen Machthabern gefangen und verhört werden. Von den Freunden verraten, vom Volk verworfen, gefoltert und getötet, wie ein Verbrecher.
Jesus trägt auf der Ikone keine Insignien der weltlichen Macht. Keine Krone oder Turban. Kein Zepter oder Stab. Die Aura (ho oon, der Seiende) und die kleine Buchrolle (das Wort Gottes) zeigen in der traditionellen Bildsprache der Ikonen, dass es sich hier um Jesus den Christus, um den Retter, den Heilsbringer handelt. Aber, wie bringt er hier Heil?
Jesus sitzt schräg auf dem Esel, hin- und hergerissen zwischen seinen Jüngern links und dem Jerusalemer Volk rechts. Die Jünger reden aufgeregt miteinander. Der eine, vorne links, scheint zu sagen: „Schau doch, jetzt wird Jesus endlich seine religiöse Ideale auch politisch umsetzen!“ „Der Zweite, mit dem gelben Umhang, stimmt ihm zu: „Endlich wird das Reich Gottes konkret“ und sie reden weiter über die Frage, wer dann links und rechts neben Jesus sitzen darf, wenn er seine Herrschaft angetreten hat. Wer wird welchen Posten bekleiden, wer wird Minister? (Mk 10,37). Der Jünger mit dem roten Kleid und dem geneigten Kopf lächelt zum kleinen Kind, das die Frau trägt. Die zwei anderen Jünger, hinten, schauen auf das Volk und sind sich nicht so sicher, ob Jesu Einzug in Jerusalem, der Anfang seiner Herrschaft oder der Anfang vom Ende sein wird. Als Bibelleser wissen wir, dass Jesus an der politischen Steilwand abprallen wird, dass das dunkle Stadttor das Tor zum Tode ist, dass er bald gekreuzigt wird und stirbt.
Das Volk an der anderen Seite ist aber auch ambivalent. Der ältere Mann mit Bart, vielleicht ein Pharisäer, begrüßt Jesus begeistert: „Endlich einer, der die kapitalistische Tempelherrschaft kritisiert und die Regeln der Tora wieder ernst nimmt!“ Der kräftige Mann im grünen Gewand, ganz rechts, vielleicht ein Händler, scheint zu sagen: „Endlich einer, der die römische Besatzung mit ihren Zöllen und extrem hohen Steuern beenden kann.“ Einige singen innerlich vielleicht schon die alten Hoffnungslieder: Psalm 118 und 148, in denen Gott für seine Hilfe gedankt wird. Der Mann rechts hinten bleibt aber kritisch. Bei Lukas lesen wir auch, dass es in der Masse noch ein paar Menschen gab, die Jesus warnen wollten. Sie riefen: „Rabbi, bring doch deine Jünger zur Vernunft!!“
Wo schaut Jesus hin? Er schaut auf das kleine Kind auf dem Arm der Frau. Das Kind durchbricht die harte vertikale Linie, genauso wie das etwas größere Kind im Baum und das Kind, das sein Oberkleid auf den Boden legt. Diese Kinder diskutieren nicht, sondern sie machen etwas. „Werdet wie die Kinder, sie werden das Reich Gottes beerben“ sagt Jesus in Markus 10,15.
Was heißt das? Dass wir so leicht zu begeistern sein müssen, wie Kinder? Heißt es, dass wir nicht so sprachgewandt und reflektiert wie Kinder sein müssen, die die kognitiven Dissonanzen des Alltags noch nicht verdrängen können? Oder heißt das, das wir wie die Kinder noch imstande sein müssen, echte Fragen zu stellen und zu staunen über die einfachsten Dinge: die kleinen Käfer, den kleinen Stein, die Pfützen auf dem Weg, die kleine Ameise, die man nicht zertreten soll. Kinder sehen zuerst den goldenen Himmel dieser Ikone: das Licht der Auferstehung, dass die Kreuzigung im anderen Licht erscheinen lässt.
Ich denke, dass Jesus diese Naivität gemeint hat, die religiösen Menschen eigen ist. Paul Ricoeur nennt das die „zweiter Naivität“: die Dankbarkeit für das Leben als Geschenk Gottes, die Freude über Farben und Licht, den Mut, im Kleinen etwas zu bewirken und nicht mit theoretischen Überlegungen oder mit Geschwätz zu zerreden. Darum lächeln wir, wenn wir Babys sehen. Sie zeigen uns das Grundvertrauen und die bedingungslose Liebe, die uns manchmal verloren gegangen sind.
Darum sollen Kinder nicht nur an Palmarum im Gottesdienst mitfeiern. Sie erinnern uns daran, wie Jesus das Kind in die Mitte stellt und sagt (Mk. 10,14-15): „Lasst die Kinder doch zu mir kommen und hindert sie nicht daran; denn für Menschen wie sie steht Gottes neue Welt offen. Ich versichere euch: Wer sich Gottes neue Welt nicht schenken lässt wie ein Kind, wird niemals hineinkommen.“